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Beitrag zur Gesprächsrunde „Stimmen Europas“

in Yverdon-les-Bais am 7.  September 2002

Ich bin eine lettische Schriftstellerin. Ich lebe in Riga, einer Stadt, die im vergangenen Sommer ihre 800-Jahr-Feier begangen hat. Riga ist eine der ältesten und schönsten Städte der einstigen Hanse.

Ich schreibe in einer Sprache, die innerhalb der Familie der indoeuropäischen Sprachen zum baltischen Zweig gehört. Zu diesem Zweig gehören außer dem Lettischen noch das Litauische sowie das Altpreußische, das nur noch in schriftlichen Zeugnissen erhalten ist.

Ich komme aus einem Staat, der bis zur sowjetischen Okkupation im Jahre 1940 vollberechtigtes Mitglied des Völkerbunds war, und der anderen souveränen europäischen Staaten sowohl in wirtschaftlicher als auch kultureller Hinsicht in nichts nachstand.

Jene fünfzig Jahre, da Lettland gewaltsam aus dem lebendigen Organismus Europas herausgerissen war, sind gemessen am Leben eines Menschen zwar eine lange Zeit, andererseits jedoch eine zu kurze Spanne, als daß Lettland seine Identität als europäische Kulturnation unwiederbringlich hätte verlieren können. Deshalb befinde ich mich keineswegs in dem Dilemma „In der Europäischen Union sein oder nicht sein“. Die Wiederherstellung der staatlichen Souveränität Lettlands war ein rechtmäßiger, logischer und folgerichtiger Prozeß, und genauso begreife ich auch die Reintegration Lettlands in das gemeinschaftliche Europa.

Ich bin eine lettische Schriftstellerin und lebe in Riga. Geboren jedoch wurde ich im Gebiet Krasnojarsk in Sibirien. Meine Eltern waren 1941 deportiert worden, und bis auf meinen Vater sind sämtliche männlichen Angehörigen meiner Familie infolge der stalinistischen Repressionen ums Leben gekommen. In Lettland gibt es keine einzige Familie, die nicht auf die eine oder andere Weise gelitten hätte unter den beiden politischen Perversionen des 20. Jahrhunderts in Europa – unter dem Stalinismus und dem Nationalsozialismus.

Es gibt Stimmen, die fordern, den Blick nicht mehr in die Vergangenheit, sondern vielmehr in die Zukunft zu richten. Kein Zweifel: ein Autofahrer, der auf der Landstraße unterwegs ist, muß in erster Linie in Fahrtrichtung blicken. Ein sehr wichtiger Bestandteil der technischen Ausstattung eines Autos jedoch ist der Rückspiegel, den man auch dann nicht außer acht lassen darf, wenn man vorwärts fährt. Wir können keine zuverlässigen und verantwortungsvollen Verkehrs-teilnehmer sein, wenn wir den Rückspiegel nicht unablässig im Auge behalten. Insbesondere dann, wenn wir uns einer so bedeutsamen historischen Kreuzung nähern wie der anstehenden Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft.

Als Schriftstellerin bin ich unter anderem deshalb froh und dankbar, an der heutigen Zusammenkunft teilzunehmen, weil das Europa der Zukunft hauptsächlich von Politikern und Ökonomen modelliert wird. Als Vertreterin eines Beitrittsstaates wiederum schätze ich mich auch deshalb glücklich, hier zu sein, weil wir uns danach sehnen, an diesem globalen Projekt mitzuwirken. Wir möchten uns aktiv einsetzen – und eingesetzt werden. Wir wollen beteiligt und auch mitverantwortlich sein. Denn die Erfahrungen, die wir mitbringen, können für die Gemeinschaft von Nutzen sein.

Sich engagieren ist die beste Medizin gegen die Skepsis – gegen jene Skepsis, die von einem großen Teil der Intellektuellen sowohl in den Mitglieds- als auch in den Beitrittsländern empfunden wird. Als Kernfragen der Europäischen Union gelten – zumindest in Lettland – in erster Linie Fragen wie Produktionsquoten, die Subsidierung der Landwirtschaft oder die Angleichung von Gesetzen. So gut wie nie jedoch geht es um die geistigen Inhalte Europas, um die Angleichung moralischer und humaner Werte. Die Stimmen von Sozialpsychologen, Anthropologen und Kulturphilosophen sind bislang noch selten zu vernehmen. Diejenigen Stimmen jedoch, die sich zu Wort melden, paraphrasieren auf verschiedene Weise ein geflügeltes Wort von Immanuel Kant: „Den krummen Baum der Menschheit hat noch keiner gerade gebogen.“ Die ethische und intellektuelle Zukunft des Menschengeschlechts wird in resignierten Tönen dargestellt. Ja, der Idealismus macht schwere Zeiten durch. Sämtliche Utopien sind bankrott. Der Begriff eines „besseren Morgen“ hat sich selber diskreditiert.

Doch dann werfe ich einen Blick in den Rückspiegel, und das hilft mir, deutlich zu erkennen, wie rasch und zielstrebig wir uns von den Ungeheuern des Totalitarismus entfernen – von jenen politischen Systemen, in denen Genozid, Holocaust, Rechtlosigkeit und die Degradierung der menschlichen Persönlichkeit möglich sind. Die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts muß kein blutiger Sumpf sein, in dem wir steckenbleiben und der uns hindert, uns vorwärtszubewegen. Sie muß einzig und allein als Rückspiegel dienen – in einer Epoche, da wir die Voraussetzungen dafür schaffen, daß diese Geschichte keinerlei Chancen hat, sich zu wiederholen.

Bevor ich zum Ende komme, möchte ich nochmals betonen, daß das Dasein des Menschen nicht allein auf wirtschaftliche und politische Kategorien zu reduzieren ist. Wenn diese beiden nicht über eine dritte Dimension verfügen, schlagen sie ins Utilitäre und Zynische um. Und diese dritte Dimension ist das In-den-Vordergrund-stellen geistiger Ziele, sie ist die ewige Sehnsucht des Menschen nach einer sinnerfüllten Existenz. Politik und Wirtschaft sind lediglich Instrumente für die Gewährleistung der menschlichen Grundwerte.

Der Begriff „Markttotalitarismus“ ist eine unheilverheißende Wortschöpfung. Der Markt ist kein mythischer Drache, dem zwingend die schönsten Jungfrauen geopfert werden müssen. Er ist auch keine übernatürliche Elementargewalt, über die der Mensch keine Macht hat. Die Anpassung an die Bedingungen des Marktes befreit uns nicht von der Pflicht, diese Bedingungen auch an die Kategorien der menschlichen Grundwerte anzupassen.

Politik und Wirtschaft sind so etwas wie die harte Schale einer Nuß. Eine Nußschale hat nur aus einem einzigen Grunde hart zu sein: um den Kern zu schützen. Der Sinn der Nuß ist ihr Kern. Karl Popper, dessen Werke auch im Zusammenhang mit diesem unserem Gespräch große Aktualität genießen, hat sein Lebenswerk folgendermaßen resümiert: „Meine theoretische Verallgemeinerung lautet: Der Mensch möchte glücklich sein.“ In Lettland. In der Schweiz. Und überall sonst auf der Welt.

Aus dem Lettischen von Matthias Knoll

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