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Festrede zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse
im Neuen Gewandhaus am 19. März 1997 (Auszüge)

Ich bin in Europa. Europa, das ist ein Synonym für das Miteinander, für die Essenz verschiedener Kulturen. Und es ist mein Wunsch, in Europa zu sein, weil Europa der Garant ist für die Existenz meines kleinen Volkes – seiner Kultur, seiner Sprache und seiner Literatur.

Formal gesehen bin ich seit noch nicht ganz sechs Jahren in Europa – so lange nämlich, wie die Unabhängigkeit der baltischen Staaten währt. Ich bin Vertreterin einer Generation, die nach dem Raub Europas geboren wurde. Europa – dies ist augenblicklich einer der am häufigsten gebrauchten Begriffe in der Lexik der baltischen Völker: „Wir nähern uns Europa an! Wir werden wieder Bestandteil Europas!” Oder im Gegenteil: „Wir waren stets und sind Bestandteil Europas – da gibt es gar nichts anzunähern!” Oder gar: „Soll sich Europa annähern an uns! Wer oder was bist du eigentlich, Europa?”

So und noch auf vielfach andere Art wird der Name, das Wort Europa dekliniert, und es ist klar, daß es hierbei nicht um Geographie geht. Die baltischen Staaten haben den Wunsch und arbeiten darauf hin, vollberechtigte Mitglieder der Europäischen Union zu werden; doch soll hier weniger die Rede sein von einem bedeutsamen geopolitischen Faktor, als vielmehr von einem Kulturbegriff. Einem Begriff, der für jene Völker, die ein halbes Jahrhundert lang den kommunistischen Totalitarismus erleben und erleiden mußten, ihre Sehnsucht nach einer vollwertigen menschlichen Existenz wiederspiegelt. Europa – das bedeutet für uns die Verkörperung, vielleicht sogar das Ideal bestimmter humanistischer und moralischer Werte, an die wir glauben möchten und nach denen wir streben. Vor allem deshalb, weil sich die baltischen Staaten noch immer als geraubtes Europa empfinden, ähnlich jener Europa der altgriechischen Sage, die Zeus in Gestalt eines weißen Stiers raubte. […] Im Laufe der Jahrhunderte kleidete sich der weiße Stier, sprich die totalitäre, aggressive Gewalt, in verschiedene Farben. Und unter den Hufen dieses Stiers wurden der Humanismus, der Geist, die Kultur und die Zivilisation Europas niedergetreten; besonders in unserem, dem zwanzigsten Jahrhundert.

Natürlich ist Europa keine erstarrte, in Marmor oder Granit gemeißelte Gestalt, sondern eine lebendig pulsierende und wandelhafte Substanz. Deshalb ist gerade jetzt eine These des großen lettischen Dichters und Denkers Rainis aktuell, die besagt, daß es aussichtslos ist, um wirtschaftlichen und politischen Wandel zu kämpfen, ohne zugleich auf einen Wandel der menschlichen Seele hinzuarbeiten. Eine Seele, die unverändert bleibt, wird auch die äußeren Umstände nicht wirklich verändern.

An dieser Stelle komme ich zu Goethe, genauer gesagt zu seinem genialen, prophetischen Werk, dem „Faust” […]. Meiner Ansicht nach ist die psychologische Genese des Heinrich Faust analog zu den tragischen Verirrungen der Menschheit des zwanzigsten Jahrhunderts. […] Die Thematik und Problematik des „Faust” ist keineswegs eine spezifisch deutsche. Es handelt sich vielmehr um das Drama der gesamten Menschheit, als deren Repräsentant denn Faust auch aufzufassen ist. Tatsächlich kenne ich kein Werk, das mahnender, aktueller und moderner wäre – sowohl im Hinblick auf die Bildung eines neuen, vereinten Europa als auch im Hinblick auf die Suche nach dem tieferen Sinn der menschlichen Existenz, aber auch hinsichtlich der Ausbeutung und Veränderung der Natur bzw. unserer Biosphäre: wir im „geraubten Europa” erinnern uns noch deutlich – es ist gar nicht lange her – an das wahrhaft faustische Projekt der Umbettung und Umleitung der Flüsse Rußlands, gegen das übrigens viele russische Schriftstellerkollegen mit Vehemenz ihre Stimme erhoben haben.

Zweimal bereits wurde in diesem, dem zwanzigsten Jahrhundert ein Versuch totaler Weltveränderung unternommen, wie Faust sie anstrebte. Faust – der Stier. Gretchen – Europa. Und leider identifiziert sich auch weiterhin die eine oder andere Großmacht mit jener faustischen Übermäßigkeit. Gretchen hingegen, diese in gewissem Sinne periphere, in vielen Interpretationen mit Beschränktheit und Naivität etikettierte Gestalt, ist leider vielleicht die einzige, mit der sich die kleinen Nationen, die kleinen Kulturen, die kleinen Sprachen identifizieren können. Wenn ich nun die baltischen Staaten mit Gretchen vergleiche, möchte ich die Situation ein wenig modifiziert darstellen: […] Gretchens Kind – das heißt, ihre Zukunft – ist am Leben, und Gretchen selbst ist nicht wahnsinnig – wenn man es nicht als Geisteskrankheit betrachtet, daß sie ihre Ideale noch immer nicht aufgegeben hat, ihren Glauben an die Möglichkeit einer ethischen Evolution der Menschheit, an die humanisierende Rolle von Kultur und Literatur in diesem Prozeß und an das Vermögen geistiger Kraft, der rohen Gewalt die Stirn zu bieten und diese zu bezwingen.

Genau das geschah, als die baltischen Staaten ihre Unabhängigkeit wiedererlangten. Wir haben zu keiner einzigen Waffe gegriffen, wir haben nicht einen Tropfen Blut unseres Gegners vergossen, obgleich unser eigenes Blut geflossen ist in Vilnius und Riga. Die drei baltischen Völker stellten sich mit bloßen Händen Panzern entgegen, aber ihre Seelen strömten über vor Liebe zu ihrem Land und zur Freiheit. Menschen füllten mit ihren lebendigen, warmen, schutzlosen Leibern Straßen und Plätze, bereit sich zu opfern – und sangen. Ich bin der Ansicht, daß die „Singende Revolution” der baltischen Völker in der europäischen Geschichte ein besonderes Phänomen darstellt, weil sie ein alternatives Modell von Weltveränderung aufgezeigt hat – dem faustischen diametral entgegengesetzt –, nämlich die Veränderung der Welt durch Kultur. […]

Aus dem Lettischen von Matthias Knoll

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