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Essay in der zum Internationalen Folklorefestival Baltica-88

im Juli 1988 erschienenen Festschrift „Baltica”

Das Lettische Volkslied, die Daina, ist Grundlage und Bestandteil der lettischen Kultur sowie Quelle und Nährstoff des ethnischen Bewußtseins der Letten. Es wird sowohl als Enzyklopädie des Volkslebens betrachtet als auch als ein Archiv geistiger und substantieller Geschichte. Das Volkslied könnte auch als die geistige Heimat des lettischen Volkes bezeichnet werden. Es stellt einen gewaltigen nationalen Wert dar – und mehr als das. Das Lettische Volkslied (so nennen wir als Oberbegriff den gesamten Komplex der lettischen Dainas, ca. 1,2 Millionen vierzeilige, z. T. auch längere Lieder) ist ein fundamentales Denkmal der Weltkultur, das leider noch relativ unbekannt ist in der Welt.

Das Lettische Volkslied als Phänomen regt zum Nachdenken über die Paradoxe des Daseins und der Entwicklung der Völker bzw. der Menschheit an. Heute verkörpert das Volkslied den Stolz und die Kraft der Letten; doch die Ursachen, weshalb es sich gerade bei den Letten herausgebildet hat, und vor allem, weshalb eine derart reiche mündliche Folklore überliefert ist, müssen im historisch tragischen Schicksal des Volkes gesucht werden. Im 13. Jahrhundert begann die 700 Jahre dauernde Periode deutscher Kolonisierung in Lettland. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Entstehung jeglicher nationaler Kultur unterdrückt. Ihr gesamtes schöpferisches Potential, das ja jedem Volke innewohnt, legten die Letten in das Volkslied. Zur gleichen Zeit, da sich in anderen Ländern Wissenschaft, Philosophie, Literatur, Philologie, Bildhauerei usw. ungehindert entwickeln konnten, drückten die Letten ihre philosophische Weltsicht, ihre proto-wissenschaftlichen Erkenntnisse, ihre Poesie und Geschichte, ihr Schicksal im Volkslied aus.

Während die folkloristischen Traditionen den anderen europäischen Völkern allmählich im gleichen Maße verlorengingen, wie sich das geschriebene und gedruckte Wort entwickelte bzw. die Art der Weiterreichung von Kultur andere Formen annahm, stellte die Folklore für die Letten weiterhin die einzige Möglichkeit dar, sich auszudrücken. Mehr noch: Indem das nationale Selbstbewußtsein durch die Folklore kompensiert wurde, akkumulierte diese in sich die gesamte schöpferische Kraft des Volkes und läßt uns heute die künstlerische und philosophische Qualität, die Vitalität und geistige Energie des Volksliedes bewundern.

Heute können andere Völker des indoeuropäischen Stammes gerade durch das Lettische Volkslied auch nach ihren eigenen Wurzeln forschen und sich ihrer Frühgeschichte annähern, denn in den Dainas, insbesondere der Schicht der die Jahresbräuche und Mythologie betreffenden Lieder, liegt eine Palette archaischster Weltvorstellungen der indoeuropäischen Völker bewahrt – Urelemente, die mit der vorvedischen Epoche in Beziehung stehen und zahlreichen Wissenschaftlern in der ganzen Welt als unschätzbare Informationsquelle dienen. Der besondere Wert des Lettischen Volksliedes liegt darin, daß es nur geringfügig durch die Christianisierung beeinflußt wurde, welche die geistige Biographie zahlreicher anderer Völker nachhaltig und unwiderruflich verändert hat. Die unifizierte christliche Weltauffassung hat in Lettland nicht fußfassen können – einerseits, weil sie hier erst ein Jahrtausend später als im übrigen Europa ihre Mission begann, zum anderen, weil sie auf hartnäckigen geistigen Widerstand stieß.

Im 19. Jahrhundert, mit dem Beginn des „Nationalen Erwachens” (Atmoda) der Letten und der Verbreitung des geschriebenen Wortes, drohte die ernste Gefahr, das alte, durch Jahrhunderte und Jahrtausende tradierte Erbe zu verlieren. Zum Glück begriffen dies die Vorkämpfer der lettischen Unabhängigkeitsbewegung, an der Spitze Krišjānis Valdemārs, Fricis Brīvzemnieks, Jānis Sproģis und andere, und es begann die großangelegte Sammlung und Aufarbeitung des folkloristischen Materials. Das Werk der Zusammenstellung der Volkslieder nahm Krišjānis Barons auf sich. Es wurde sein Lebenswerk, und sein Ehrentitel – Vater der Lettischen Dainas – ist der höchste, den ein lettischer Kulturschaffender jemals erhalten konnte und kann.

Zwischen 1894 und 1915 veröffentlichte Barons in sechs Bänden die „Latvju Dainas”, die erste und bis heute wichtigste Sammlung lettischer Dainas. Das Volkslied umfaßt das gesamte Wesen des Menschen, sowohl in seinen kosmischen Bezügen als auch in seinen alltäglichen Erscheinungen. Das Volkslied ist zugleich allgemeingultig als auch national, im historisch Gegebenen verwurzelt als auch zeitlos. Sowohl der gesamte Komplex der Volkslieder bildet ein einheitliches Ganzes als auch jeder einzelne Vierzeiler – eine gehaltvolle, nach strikten Formprinzipien ausgearbeitete Miniatur. Schon der einzelne Text ist wirkungsvoll; doch in seiner Vollkommenheit offenbart sich ein Lied erst in seinem Kontext, wenn wir seinen Platz im Gesamtsystem kennen. Jede Gestalt des Volksliedes steht mit einem umfassenden semantischen Feld in Beziehung, das nicht nur intellektuell verstanden, sondern auch genetisch erahnt wird – wie eine Stimme des Blutes, die halb unbewußt auch im heutigen, modernen Letten spricht.

Aus dem Lettischen von Matthias Knoll

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