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Rede anläßlich der Verleihung des Ojārs-Vācietis-Preises
im Kulturhaus von Ādaži am 11. November 1988

Wir leben in einer emotional verdichteten Zeit. Innerhalb weniger Monate haben wir eine ganze Epoche durchlebt, und jede Stunde, jeder Tag ist von dieser Epoche gezeichnet. Für unser Leben entsteht eine andere Dichte, und auch für unser Geschichtsbewußtsein entsteht eine andere Dichte. Mehr denn je leben wir gleichzeitig in drei Dimensionen: in der Vergangenheit, die wir von neuem kennenlernen und durchleben; in der Gegenwart, die von uns fordert zu denken, zu arbeiten und unverzüglich zu handeln; und in der Zukunft, in die wir unsere Sehnsüchte und Hoffnungen projizieren, die jedoch von alleine kein einziges Problem bewältigen wird, sei es ökonomischer, ökologischer oder sittlicher Art – ganz zu schweigen von all den ewigen, existienziellen Menschheitsfragen.

Wir atmen konzentrierte Luft, und das macht uns euphorisch und trunken. Wir sind wie Pflanzen, die eine Substanz konzentrierter Zeit ernährt, und wir wachsen schnell. Es wächst unser gesellschaftliches Bewußtsein, unser nationales Selbstbewußtsein, und auf diesem Nährboden konzentrierter Zeit ist eine schöne rot-weiß-rote Blume gediehen: unsere Fahne, die heute auf ewige Zeiten, ja: auf ewige Zeiten auf dem Turm des Rigaer Schlosses erblüht ist. Ja, wir wachsen außergewöhnlich schnell, doch wir dürfen nicht wuchern, wir dürfen nicht einfach ins Kraut eines Hochgefühls schießen. Uns könnten die Halme knicken. Ja, unser Volk ist erwacht. Aber nicht aus einem sanften Schlummer, nicht einmal aus einem Alptraum, sondern aus einer Narkose. Aus einer Narkose, die bei jedem einzelnen anders gewirkt – und vielen den Tod gebracht hat: geistigen Tod. Ethischen Tod. Menschliche Lähmung.

Und trotzdem überwiegen die Lebenden. Einer von ihnen ist Ojārs Vācietis. Und es ist keineswegs ein Zufall, daß wir heute, am 11. November, da wir derjenigen gedenken, die für ein unabhängiges, freies Lettland gefallen sind, für ein lebendiges und menschliches Lettland – daß wir heute auch Ojārs Vācietis gedenken. Mit seinen Worten, seinem Herz brach er das Eis, und wir, die wir nach ihm zu Dichtern wurden, tauchten in bereits relativ freie Gewässer ein, und obgleich wir manchen Hieb einer scharfen und kalten Eisscholle in die Seite abbekamen, haben wir doch stets jene Eisbrecher, jene Windbrecher gespürt, die uns voranschritten – an ihrer Spitze Ojārs Vācietis und Vizma Belševica.

Ich empfinde es als große Ehre und immensen Kredit, daß mir der Ojārs-Vācietis-Preis verliehen wird, und ich bin dankbar dafür.

In der Fahne, die heute auf dem Schloßturm gehißt wurde, dürfen wir nicht die Fahne des Sieges, sondern wir müssen in ihr die Fahne des Kampfes sehen. In diesem Sinne erlauben Sie mir, die Verleihung des Ojārs-Vācietis-Preises nicht als Anerkennung, sondern als Ansporn zur Arbeit zu betrachten – zur anständigen, ehrlichen Arbeit, wie sie der Bauer auf dem Feld leistet und der Dichter auf dem seinen. Einer Arbeit, die auch unser Kampf ist.

Aus dem Lettischen von Matthias Knoll

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