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Beitrag zur Konferenz „Literatur, Werte und Europäische Identität“

der Konrad-Adenauer-Stiftung in Gdańsk, Oktober 2003

Ich bin eine lettische Schriftstellerin. Ich schreibe meine Gedichte, Theaterstücke und Essays auf lettisch. Die lettische Sprache ist meine Muttersprache. In ihr verwirkliche ich mich als Individuum, als schöpferischer Mensch und als soziales Wesen. Ich habe Philologie studiert, und Sprache interessiert mich auch in ihrer theoretischen Dimension.

Ich bin ein Mensch, der sowohl die drückende Last als auch den Zusammenbruch der Sowjetunion am eigenen Leibe erfahren hat. Und ich schätze mich glücklich, dasjenige erleben zu dürfen, was gegenwärtig geschieht – die Einigung Europas. In diesem Zusammenhang sind nach meiner Erfahrung auch die sozialen und politischen Aspekte von Sprache relevant.

Ich möchte, daß Sie wissen, verehrte Zuhörer, daß innerhalb des nationalen Wertesystems der Letten die Sprache an erster Stelle steht. Laut Meinungs­umfragen nennen die Letten als wichtigsten und unverzichtbaren Wert für das Wiedererstehen des lettischen Staates nicht die Stabilisierung der Wirtschaft und des sozialen Bereichs, sondern die Sprache und die nationale Kultur. Dies zeugt indirekt von einer Furcht vor sprachlicher Assimilierung und dem Verlust kultureller Identität. Allerdings ist diese Furcht keine spezifisch lettische – sie ist vielen kleinen Völkern bekannt, die Kriege, Kolonialisierung, Deportation und Genozid erleiden mußten.

Gestatten Sie mir, Ihnen zur Erinnerung eine kurze Visitenkarte der lettischen Sprache zu überreichen:

• Das Lettische gehört zum baltischen Zweig innerhalb der indoeuropäischen Sprachenfamilie. Zu diesem Zweig zählt außerdem nur noch das Litauische, seit das Altpreußische bzw. Pruzzische im 17./18. Jahrhundert auf gewalt­same Weise ausgerottet wurde.
• Das Lettische unterscheidet drei Dialekte sowie rund 500 Mundarten.
• Als Schriftsprache bildete sich das Lettische gegen Anfang des 16. Jhs heraus.
• Lettisch wird von rund 1,5 Millionen Menschen gesprochen, die sich auf dem Territorium der Republik Lettland konzentrieren.
• Auf dem Territorium der Republik Lettland leben insgesamt rund 2,5 Millionen Menschen.
• Das Territorium der Republik Lettland ist auch die Heimstätte der livischen Sprache, die zur finnougrischen Sprachenfamilie gehört und von etwa zehn Menschen gesprochen wird.

Gewöhnlich wird das Lettische als „kleine“ Sprache apostrophiert, doch diese Einschätzung ist relativ. Weltweit gibt es rund 6000 Sprachen, von denen lediglich 250 von mehr als einer Million Menschen gesprochen werden. Somit darf man sagen, daß das Lettische zu den 250 „großen“ Sprachen dieser Erde gehört.

Dennoch ist es nicht wesentlich, wie „groß“ oder „klein“ eine Sprache ist. Wesentlich ist vielmehr, sich bewußt zu machen, daß eine jede Sprache einen einzigartigen Kulturwert auf dieser Erde darstellt, der mit geeinten Kräften zu schützen ist. Es ist wichtig, das Verschwinden beispielsweise der altpreußischen Sprache als einen Verlust im europäischen wie globalen Kontext zu begreifen. Ich weiß nicht, ob jemand ein Requiem für das Altpreußische geschrieben hat. Ich weiß jedoch, daß alles getan werden muß, damit für keine der europäischen Sprachen jemals ein Requiem verfaßt werden muß.

Gibt es heute, da Lettland ein unabhängiger Staat ist und das Lettische in der Verfassung als Staats- und Amtssprache verankert, gibt es heute irgendeinen Grund, sich um das Schicksal dieser Sprache Sorgen zu machen? Die Antwort ist: Ja. Denn die Sprachenfrage in Lettland ist zum Gegenstand politischer Manipula­tionen geworden.

Im heutigen Lettland soll die lettische Sprache nicht nur den Dichtern als Muse dienen, sie hat nicht nur das von Heidegger proponierte „Zuhause der Seele“ zu sein, sondern auch die schwere Arbeit eines Zugpferds zu verrichten, das heißt, sie hat die Integrationsbasis zwischen zwei einander recht entfremdeten Sprachen­gemein­schaften darzustellen – ein wenig vereinfacht ausgedrückt: zwischen Letten und Russen. Somit wird diese feine, zarte Substanz – die Sprache – zu einem innenpolitischen Instrument. Mehr noch: Durch die politischen Aktivitäten seitens der Russischen Föderation wird die Sprache auch zu einem außen­politischen Problem.

Ungeachtet dessen, daß Lettland als Beitrittskandidat der EU sämtlichen von den europäischen Institutionen aufgestellten Kriterien entspricht, betreibt Rußland eine massive politische Kampagne, indem es die Republik Lettland einer angeblichen sprachlichen Diskriminierung der Russischsprachigen in Lettland bezichtigt und bestrebt ist, auch für das Russische den Status einer Staatssprache durchzusetzen. Zwei Staatssprachen in Lettland – oberflächlich betrachtet wäre daran nichts auszusetzen. Schließlich gibt es viele Staaten mit zwei oder mehr offiziellen (Staats-)Sprachen auf dieser Welt, darunter auch in Europa.

Dennoch möchte ich dazu auffordern, diesen Fall nicht oberflächlich zu betrachten. Zum einen, weil die lettische Sprache ihre soziolinguistische Funktion, deren sie während der Sowjetzeit als Folge einer bewußten Russifizierung beraubt war, gerade erst wiederzuerlangen beginnt. So gibt es in Lettland beispielsweise noch immer siebzehn Gemeinden, in denen lettische Kinder keine Möglichkeit haben, in der Schule in ihrer Muttersprache zu lernen, sondern nur auf russisch.

Zum anderen, weil die lettische und die russische Sprache nicht derselben Gewichts­klasse angehören. Und weil der Ring, in dem sie gegeneinander antreten, nicht das neutrale Territorium einer Sporthalle im Ausland ist. Der Ringkampf um die Sprachendominanz findet in Lettland statt – dem einzigen Territorium, wo die Letten ihr Recht auf Bewahrung und Entwicklung ihrer Sprache und Kultur reali­sieren können. Wie schon gesagt, die Zahl der lettischen Sprachen­gemeinschaft liegt bei 1,5 Millionen. Die Zahl der russischen Sprachengemeinschaft hingegen liegt bei 150 Millionen.

Die Russen in Lettland sind keine isolierte Minderheit, denn Rußland ist ein einflußreicher Nachbar Lettlands. Obgleich sie räumlich in Lettland wohnen, leben die meisten von ihnen im russischen Informationsraum, indem sie das russische Fernsehen und Radio rezipieren, russische Presseerzeugnisse und Bücher lesen, russische Musik hören, mit einem Wort: sie fühlen sich der russischen Kultur angehörig. Mental leben sie in Rußland. Nebenbei bemerkt: So wie für lettische Staatsbürger Visafreiheit mit den westeuropäischen Staaten, nicht jedoch mit Rußland besteht, so besteht für lettische Nichtstaatsbürger (d. h. in Lettland lebende ehemalige Sowjetbürger, die nicht die lettische Staatsangehörigkeit besitzen) Visafreiheit mit Rußland. Diese Tatsache mag eine Erklärung dafür sein, warum unter den ethnischen Russen in Lettland ein derart geringes Interesse daran besteht, die lettische Staatsange­hörig­keit zu erwerben bzw. naturalisiert zu werden.

Die russische Sprache besitzt einen hohen Marktwert, und sie hat hervorragende Zukunftsperspektiven. Deshalb hat die Sprachenpolitik in Lettland im Hinblick auf die lettische Sprache einen defensiven bzw. schützenden Charakter. Wie in jedem demokratischen Staat ist es dabei selbstverständlich, daß gleichzeitig den Minder­heiten das Recht garantiert wird, ihre Sprachen zu benutzen und zu entwickeln.

Man kann auch Rußland begreifen. Es kann sich nur schwer mit dem Verlust des baltischen Raumes abfinden und ist bestrebt, seine politische Macht und seinen ökonomischen Einfluß zu bewahren. Diejenigen politischen Kräfte, die eine nostal­gische Sehnsucht nach dem Sowjetimperium empfinden, sind daran interessiert, die Spannung zwischen den Sprachen in Lettland aufrechtzuerhalten und den für die lettische Nation so wichtigen Integrationsprozeß zu behindern.

In diesem Zusammenhang noch eine Anmerkung: Die meisten Letten, nämlich rund 80%, sind zweisprachig – sie verstehen, sprechen und schreiben sowohl lettisch als auch russisch. Demgegenüber ist laut offiziellen Daten fast die Hälte der Russen in Lettland – darunter auch viele Kinder, die nach der Wiederherstellung der Republik Lettland im Jahr 1991 geboren wurden – einsprachig. Das bedeutet, daß sie die lettische Sprache weder sprechen noch verstehen.

Unter dem Deckmantel des Sprachenrechts fördern russische Politiker bewußt diese Einsprachigkeit der Russen in Lettland, was für einen großen Teil der russischen Bevölke­rungs­teile in Lettland zum Problem wird. Bei dem Widerstreben, die Mehr­spra­chigkeit als Merkmal einer demokratischen Gesellschaft zu akzeptieren, handelt es sich um einen Ausdruck inerter imperialer Psychologie. Die Forderung nach dem Recht auf Einsprachigkeit – zudem in einem anderen Land – ist unvereinbar mit Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Kulturen, anderen Erfahrungen, anderen Interpretationen von Geschichte. Ein weiteres Paradoxon ist, daß Rußland, indem es die vermeintliche Sorge um seine Volksangehörigen „im nahen Ausland“ im Munde führt, die soziale Mobilität und Konkurrenzfähigkeit der russischsprachigen Individuen auf dem lettischen Arbeitsmarkt faktisch behindert.

Als Lettland am 20. September in einem Referendum für den Beitritt zur EU stimmte, war eines der Motive für das klare Ja die Hoffnung auf Europa als ein Hort für die lettische Sprache und Kultur. Deshalb kommt der europäischen Idee von der Geeintheit in Vielfalt, von der toleranten Koexistenz und Wechselwirkung in meinen Augen eine eminente Bedeutung zu. Die Hoffnung, daß jede Sprache in Europa als ein gemeinsamer und zu schützender Wert betrachtet wird, sowie der Glaube, daß dies nicht nur eine schöne Formel ist, vermitteln mir das derzeit unentbehrlichste: das Gefühl der Sicherheit.

Die Schlußfolgerung meines kurzen Referats ist praktisch die bereits in der Überschrift aufgestellte These: Die Muttersprache ist Identität und Existenz­grund­lage eines kleinen Volkes. Dieser Satz ist meines Erachtens ein Axiom.

Aus dem Lettischen von Matthias Knoll

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