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Essay

Die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen haben vor wenigen Jahren ihre Unabhängigkeit wiedererlangt und sind heute bemüht, sich abermals in das europäische Gefüge einzubringen und einzubinden. Die Geschichte hat mit ihren Grillen dafür gesorgt, daß diese drei Staaten immer ein bißchen zu spät gekommen sind. Wie ein Schüler zu Beginn des Schuljahrs oder ein Gast zu einer Feier. Sie kommen ein wenig später als die anderen und geraten dadurch ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Etwas verschämt und schuldbewußt machen sie sich eifrig daran, den „versäumten Stoff” nachzuholen beziehungsweise herauszufinden, aus welchem Anlaß gefeiert wird – und wer der Gastgeber oder die Gastgeberin ist.

Diesen „Neulingskomplex” kosteten die baltischen Republiken sowohl nach dem Ersten Weltkrieg aus, als sie freudetrunken in den Reigen der „alten” europäischen Nationen aufgenommen wurden, als auch 1940, als sie okkupiert und gewaltsam der Sowjetunion einverleibt wurden. Sie mußten sich einer bestehenden Ordnung beugen und lernen, was die „alten” Sowjetrepubliken schon „konnten”, sie mußten bereits etablierte, ihnen jedoch fremde politische, gesellschaftliche und ethische Prinzipien übernehmen. „Wenn ihr Fragen habt, Genossen, wird die Partei, der Große Bruder, sie beantworten.” Wer zu hartnäckig fragte, hatte schlechte Karten. Hunderttausende verschwanden für immer aus dem Baltikum in den Lagern des Gulag und den Weiten Sibiriens.

Heute erscheinen wir freiwillig zum Unterricht in der „Schule” der EU, und wir sind zudem bereit, für diese Ausbildung ein hohes Lehrgeld zu zahlen. Wir wissen, daß kein Preis zu hoch ist, um den Sprung zu schaffen vom Totalitarismus zur Demokratie, von der Verlogenheit zur Transparenz, von der Unterdrückung zur Freiheit. Und doch – was bleibt, ist das Gefühl, wieder einmal zu spät gekommen zu sein. Es freut uns, daß die „älteren Mitschüler” uns mit Verständnis und Einfühlungsvermögen begegnen. Aber wenn sie auch sagen: „Kommt, spielen wir Ball”, so denken wir doch im stillen: Wie sind wohl die Spielregeln? Zugegeben, manchmal spielen wir einfach auf gut Glück mit, weil uns die Selbstachtung verbietet, geradeheraus zu fragen: Was wird hier eigentlich gespielt?

Die acht Jahre staatlicher Unabhängigkeit haben natürlich viel gebracht für das Begreifen der neuen Spielregeln. Vor einigen Wochen wurde ein bedeutsamer, für uns lange erwarteter politischer Schritt getan: Nach Estland sind nun auch Lettland und Litauen (neben vier weiteren Staaten) zu Gesprächen über die Aufnahme in die EU eingeladen worden.

In den baltischen Staaten wohnt den Begriffen „Europäische Union” oder schlicht „Europa” eine große Bedeutsamkeit und Energie inne. Sie gehören während der letzten Jahre zu den meistgebrauchten Wörtern in der Gesellschaft – angefangen bei den Medien über die Reden der Politiker bis hin zu den Unterhaltungen der Fahrgäste eines Trolleybusses. „Europa” ist das Schlüsselwort in unserem gegenwärtigen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Aspektiert wird es von dem bis zum Abwinken durchdeklinierten Begriff „Jahrtausendwende” bzw. „Millennium”. Es ist kein Zufall, daß diese beiden Begriffe einander ergänzen. Der eine umreißt den Raum, der andere die Zeit; gemeinsam bilden sie das Koordinatensystem unseres derzeitigen Daseins. Wie relativ diese Zeitrechnung auch angesichts der zahlreichen anderen gültigen Kalender dieser Welt auch sein mag: Wir fühlen doch, daß das Übertreten dieser Zeitenschwelle und die Heranbildung der europäischen Völkergemeinschaft zu einem neuen geistigen Raum in uns Gedanken über Grundfragen des menschlichen Seins mobilisiert.

Natürlich wird der Begriff Europa nicht nur in einem geopolitischen Sinne verstanden. Von Europa reden die Menschen wie von persönlichen Zukunftsplänen, indem sie ihre Träume und Hoffnungen damit in Verbindung bringen. Europa figuriert sowohl als Schicksal bzw. historische Determinierung als auch als Rettung, als das geringere Übel. Am häufigsten jedoch wird Europa als Synonym für die Worte Freiheit, Humanismus, Ethik, Kultur und schließlich Zukunft aufgefaßt.

Trotzdem beginnt der idealisierende Tanz um das Totem Europa seine ursprüngliche Inbrunst zu verlieren. Die Erfahrung der Jahre in Freiheit mit ihrer marktwirtschaftlichen Realität hat uns zu einer Erkenntnis geführt, die Sir Iasaiah Berlin (der, nebenbei bemerkt, in Riga geboren wurde) sehr treffend umschreibt: „Freiheit ist Freiheit, und nicht Gleichheit oder Redlichkeit oder Gerechtigkeit oder menschliches Glück oder ein ruhiges Gewissen.”

Diese Fragen betreffen nicht nur uns, die Neuankömmlinge, sondern auch die „alten” Vertreter der europäischen Kultur, denn auch für diese werden Erschütterungen ihres relativ stabilen Selbstverständnisses unvermeidlich sein – angefangen von den Intellektuellen bis hin zu den Zuckerrübenbauern. Wir alle bilden ein neues Wertesystem heraus und suchen neue Bezugspunkte für Alltag und Kunst. Wie sieht unsere Zukunft im geeinten Europa aus? Welche Rolle werden wir spielen? In welchem Verhältnis steht unsere eigene zur gesamteuropäischen Identität?

In den baltischen Staaten sind wir redlich bemüht, uns an die „Spielregeln” zu halten. Aber es kann sich dabei nicht um eine automatische, unreflektierte Übernahme aller (west-)europäischen Werte vom Gesetzeskanon bis zur Margarine handeln. Wir sind uns über die Ambivalenz im klaren, daß uns die „europäische Schule” nebenbei auch den internationalen Drogenhandel und Kinderpornographie beschert. Die globale Macht des Marktes und die liberale Politik identifizieren gesellschaftlichen Wohlstand, wie sich zeigt, nicht mit Kultur – und schon gar nicht mit nationaler oder, unverfänglicher gesagt, regionaler Kultur, die sich anstelle der erhofften Sicherheit nun abermals bedroht sieht. Die ionisierte Luft der unermüdlich laufenden Kopiergeräte, die ein „Totalscreening” leisten sollen, verschlägt uns den Atem – und auch die Gefahr, zum Rohstofflieferanten oder Billiglohnparadies für unsere wirtschaftlich dominanten Nachbarn zu werden oder aber ein ewig am Hungertuch nagender ferner Verwandter zu bleiben. Wir haben doch gerade erst unter großen Mühen unsere politische und kulturelle Souveränität wiedererrungen – und das auf eine für das 20. Jahrhundert geradezu märchenhaft zivilisierte Weise!

Abgesehen von alledem haben die baltischen Staaten eine weitere Integration zu leisten – diejenige der eigenen Gesellschaft. Damit meine ich nicht nur die politisch heikle Integration der sogenannten russischsprachigen Bevölkerungsteile, die sehr viel Fingerspitzengefühl und Finanzkraft erfordert, sondern beispielsweise auch den Umstand, daß ein Teil unserer Gesellschaft (insbesondere in den ländlichen Regionen) praktisch im 19. Jahrhundert lebt, ein anderer Teil hingegen – der, dem moderne Technologien zugänglich sind – bereits im dritten Jahrtausend. Gegen eine solche Situation wäre freilich nichts einzuwenden, wenn sie auf freier Entscheidung basieren würde. Doch leider handelt es sich hier nicht um Freiwilligkeit, sondern um eine Frage der Kaufkraft.

Weiterhin geht es um die Integration eines erweiterten Geschichtsbildes. Die Unabhängigkeit der baltischen Staaten bedeutet nicht das Ende aller unserer Probleme – ganz im Gegenteil. Wir beginnen zu ahnen, daß wir nicht ausschließlich hilflose Opfer waren und sind, daß die Schuld nicht nur bei den anderen, bei den „Großen” liegt. Es ist an der Zeit, mit dem verklärenden Beklagen des Gewesenen aufzuhören, Schluß zu machen mit einer ritualisierten Schuldzuweisung. Wer beständig im Gefühl des Vorwurfs lebt und dessen, was ihm angetan wurde, der bremst seine eigene Entwicklung. Diese Erkenntnis vollzieht sich allmählich im Kopf, und sie muß als Gewißheit in unsere Herzen vordringen.

Die Bundesrepublik Deutschland, die das schwere Erbe eines jener Reiche antreten mußte, die sich in unserem Jahrhundert schuldig gemacht haben, ist ein Staat, der sich vorbehaltslos der Aufarbeitung der Vergangenheit verschrieben hat. Dieses In-der-Verantwortung-Stehen verlangt gerade uns in den baltischen Republiken tiefsten Respekt ab und setzt ein deutliches Zeichen für jene Staaten, die ihre imperialistischen Tendenzen bis heute nicht haben überwinden können.

Die bitteren Erfahrungen des 20. Jahrhunderts haben uns vieles gelehrt. Überhaupt ist die Zeit eine ausgezeichnete Lehrerin, „die unglücklicherweise jedoch”, wie Hector Berlioz bemerkt, „alle ihre Schüler dahinrafft”. Bei dieser Gelegenheit gleich noch eine geborgte Weisheit, diesmal aus dem Neuen Testament: „Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber seine Seele verliert?”

Kunst und Kultur als das „Zuhause der Seele”, als Gestalter und auch Ausdruck dieser Seele verleihen dem menschlichen Dasein Sinn und ethischen Gehalt. Sie nähren das Schöpferische im Menschen, das ihn jenen Kräften widerstehen läßt, die in ihm lediglich einen Konsumenten sehen wollen. Die Kultur ist es, die den entscheidenden Beitrag für das Bestehen einer im Gleichgewicht befindlichen, vielfältigen Welt leistet.

Die baltischen Staaten sind selbstbewußt und emanzipiert genug, um sich der Entmenschlichung der Kunst und einem etwaigen Kulturimperialismus zu widersetzen. Wir sind bereit zum uneingeschränkten Dialog mit allen Kulturen, aber wir sind nicht dazu bereit, uns selbst zu verleugnen. In diesem Kontext sei an eine Allegorie aus Elias Canettis „Komödie der Anmaßung” erinnert: Um der Anmaßung der Menschen entgegenzuwirken, sind sämtliche Spiegel vernichtet worden; nur im Bordell kann man für teures Geld in den Spiegel schauen, um sich selbst zu betrachten. Die gute Absicht scheitert, wie Canetti zeigt. Da sie sich kein Bild von sich selbst machen und kein Bewußtsein ihrer eigenen Identität entwickeln können, sind die Menschen auch nicht fähig, Sensibilität, Verständnis und Mitgefühl füreinander aufzubringen. Den anderen zu erkennen, zu begreifen wiederum hilft, eine Vorstellung von sich selbst zu gewinnen.

Bildlich gesehen kann die Kontur des Mare Balticum bei genauerer Betrachtung an einen knienden, ins Gebet versunkenen Menschen gemahnen. Abstrakt gesehen gleicht unsere Anrainerschaft um die Ostsee der legendären Tafelrunde. Lassen Sie uns über den horizontalen Spiegel der Baltischen See in das Antlitz unseres Gegenüber schauen. Die Kunst ist das Licht, durch das wir einander in unserem Wesen erkennen.

Aus dem Lettischen von Matthias Knoll

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